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Linke Literaturmesse - Bausteine für eine internationalistische Linke
Aufsätze über linken Bellizismus, den Umgang mit dem Nahostkonflikt, Migration und Patriarchat

 
"Vielleicht zum ersten Mal seit 1968 ff. zeichnet sich am Horizont wieder eine weltumspannende Bewegung ab, die in wechselseitigem Austausch an einer gemeinsamen Debatte um alternative Gesellschaftsentwürfe und Formen der Emanzipation arbeitet, an einer Vernetzung der Widerständigkeiten", heißt es in der Einleitung von "Radikal Global", einem diskursfreudigen Sammelband der BUKO. Neben der Kritik an der Linken trieb die Herausgeber also offenbar auch unbändiger Optimismus. Einer von ihnen ist Moe Hierlmeier, der das Buch im Rahmen der Linken Literaturmesse zur Diskussion stellt.
 
raumzeit: Ist die globalisierungskritische Bewegung euerem optimistischen Vorwort zum Trotz nicht in Wirklichkeit bereits auf dem absteigenden Ast?
Moe: Natürlich gibt es zahlreiche Widersprüche und auch Brüche in dieser Bewegung, aber ich würde schon daran festhalten wollen, dass ihre Dynamik noch nicht gebrochen ist. Allerdings wird die nächste Zeit eine Phase der Selbstvergewisserung, des Umbruches sein. Wo stehen wir, wo wollen wir hin, wo müssen wir weiter diskutieren? Das sind die Fragen, die jetzt anstehen.
 
raumzeit: Das Buch ist ein ziemlicher Rundumschlag. Ist Internationalismus vielschichtiger geworden?
Moe: Natürlich ist er ist vielschichtiger geworden. Da ist z. B. die Kritik am Befreiungsnationalismus, der früher im Zentrum des Internationalismus stand. Ich glaube, dass es nicht die eine Perspektive auf die so genannte Dritte Welt gibt, dass es nicht die eine Aktionsform gibt, dass es auch bei den Unterdrückten widersprüchliche Ausbeutungs- und Machtverhältnisse gibt. Lange Zeit hat man die patriarchalen Machtverhältnisse, den machismo ausgeblendet usw. Insofern ist natürlich eine internationalistische Perspektive auch immer schon eine gebrochene Perspektive, die versucht, die unterschiedlichen Machtstrukturen in den Blick zu bekommen. Wir haben versucht, die Themen, die in den letzten fünf bis sieben Jahren eine zentrale Rolle spielten, aufzugreifen und auf die Höhe der Zeit zu bringen.
 
raumzeit: Dem Internationalismus ist das revolutionäre Subjekt ausgegangen? Welche neuen Vorstellungen gibt es?
Moe: Natürlich ist mit dem Abschied vom Proletariat bereits der Neuen Linken in den 60ern die Vorstellung von einem archimedischen Punkt der Befreiung verloren gegangen. Dann kam die Orientierung auf die Befreiungsbewegungen und auch die ist spätestens mit der Wahlniederlage der Sandinisten 1990 verloren gegangen.
Moe:Gleichzeitig ist es aber dadurch aus meiner Sicht aber auch zu einer Befreiung, zu einer Innovation gekommen. Unterhalb der Ebene des bewaffneten Widerstandes, den man immer als das Entscheidende betrachtet hat, hat man nun Formen des Widerstandes, die sich im Alltag bewegen, in den Blick genommen, und vielfältige Praxen ausgemacht.
 
raumzeit: Ist die sog. globalisierungskritische Bewegung deiner Meinung nach die im Moment einzige und größte Hoffnung der InternationalistInnen?
Moe:Das würde ich schon sagen. Das Besondere dieser Bewegung - die ja keine globalisierungskritische an sich ist, sondern diesen Begriff nur mangels eines besseren verwendet - ist zum einen, dass sie den Internationalismus als Ausgangspunkt genommen hat und zum anderen die Pluralität der Bewegung, die ein konstitutiver Bestandteil ihrer Stärke ist. Das muss man unbedingt anerkennen. Allerdings sind viele Aufgaben noch zu machen. Der Ausgangspunkt Internationalismus ist auf den Alltag innerhalb der hiesigen Gesellschaften zurück zu transformieren. Dass neoliberale Globalisierung zentral in unserem Alltag wirkt, Hartz, Agenda 2010 usw. ist dort noch nicht angekommen.
 
raumzeit: Fehlen also nicht gerade die Gegenentwürfe?
Moe:Ich glaube, dass das erst mal ein Vorteil ist, große Gegenentwürfe nicht mehr zu haben. Der Effekt solcher Entwürfe ist, dass sie sozusagen die eigenen Handlungs- oder Denkmöglichkeiten eingrenzen. Das Schlagwort der Zapatisten "Fragend gehen wir voran" bedeutet: Wir haben keinen Gegenentwurf, wir wissen aber, dass aus der Bewegung etwas entstehen muss und entstehen wird. Insofern glaube ich nicht, dass es die zentrale Aufgabe dieser Bewegung sein muss, sich vorschnell einzugrenzen indem man einen Entwurf präsentiert, sondern die Dynamik der Bewegung am laufen zu halten. Das Vorrangige besteht darin, dass man endlich auch die Globalisierung als etwas Lokales begreift, dass man versucht hier zu vernetzen, sich zu organisieren, nicht mehr nur in der einen großen Organisation, sondern eben auch im Widerspruch, in der Vielfalt der einzelnen Gruppen.
 
Quelle: http://www.raumzeit-online.de/112003/artikel180.html  
 
 
 
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